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Laute Geräusche, dominante Gerüche – hochsensible Menschen fühlen sich davon regelrecht überflutet. Dabei kann diese Eigenschaft, besonders intensiv wahrzunehmen, auch eine bereichernde Gabe sein.
Viele merken schon als Jugendliche, dass bei ihnen etwas anders ist: Die laute Musik in den Clubs schreckt sie davon ab, auszugehen. Von einer Shoppingtour in einer Mall kommen sie erschöpft zurück. Zu viele Eindrücke stürmen dort auf sie ein: Bilder, Farben, Gerüche, Geräusche.
Weltweit sind etwa 15 bis 20 Prozent der Menschen betroffen: Sie nehmen mehr äußere und innere Reize auf und verarbeiten sie anders als „Normalempfindliche“. Die Ursache: Ihr Nervensystem ist durchlässiger als bei anderen. Viele ziehen sich aus dem sozialen Leben zurück, weil ihre Sinne alles ungefiltert in sich hineinlassen.
„Wenn Menschen die eigene Hochsensibilität erkennen, ist das wie nach Hause kommen“, sagt Dr. Suzann Kirschner-Brouns. „Verhaltensweisen, mit denen sie in ihrer Umgebung stets auf Unverständnis stießen, wie das Bedürfnis, allein zu sein, oder die Fähigkeit, emotionale Stimmungen in einem Raum fühlen zu können, erhalten nun eine ganz andere Bedeutung“, weiß die Berliner Ärztin und Buchautorin („Hochsensibel – leichter durch den Alltag ohne Reizüberflutung“, Gräfe und Unzer Verlag).
Bis 2019 arbeitete auch die Psychologin Dr. Sandra Konrad an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg zum Thema Hochsensibilität. In über 20 Studien mit mehr als 3600 Erwachsenen fand sie heraus: Es sind drei Faktoren, die zu der Diagnose Hochsensibilität führen: Leichte Erregbarkeit: „Stimmungen anderer Menschen beeinflussen mich.“ Ästhetische Sensibilität: „Ich habe eine feine Wahrnehmung für unterschwellige Dinge in meiner Umgebung.“ Niedrige sensorische Reizschwelle: „Ich fühle mich leicht überwältigt von intensiven Reizen wie starkem Lärm.“
Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass die „Feinfühligkeit“ zu 47 Prozent genetisch vererbt wird. Sie fanden heraus, dass etwa 70 Prozent der Hochsensiblen eher introvertiert und vorsichtig sind und mehr Zeit für Entscheidungsprozesse brauchen. 30 Prozent sind eher extrovertiert, aktiv und risikofreudig und vor allem neugierig und wissbegierig. Gerade hochsensible Menschen zeigen sich offen für neue Erfahrungen und setzten sich weit mehr als „normale“ Menschen Situationen aus, die sehr anstrengend sind. Da sie aber in den meisten Fällen gar nicht wissen, dass sie hoch sensitiv sind, leben sie quasi gegen ihre Natur und belasten sich übermäßig. Das führt nicht selten zu Erschöpfung und Depressionen.
Was kann helfen? Dr. Suzann Kirschner-Brouns: „Da diese Menschen mehr Zeit benötigen, um die vielen Sinneseindrücke zu verarbeiten, kann ein angepasstes Zeitmanagement gesundheitsfördernd sein. Planen Sie viele Pausen oder Zeitleerläufe bewusst ein. Und: Betrachten Sie Beschwerden, die Sie mitunter schon jahrelang beeinträchtigen, neu unter dem Aspekt der Hochsensibilität.“ Die kann sich nämlich auch in Form von Schlafstörungen, Nervosität, Unruhe, Allergien, Magen-Darm-Beschwerden, Konzentrationsschwäche, Blasenentzündungen, Tinnitus, Bluthochdruck, Zyklusbeschwerden, Lichtempfindlichkeit, Burnout und vielem mehr zeigen.
Die Medizinerin empfiehlt auch, besonders auf die Ernährung zu achten: „Auch wenn man heute eher von mehreren kleinen Mahlzeiten am Tag abrät, geht es hochsensiblen Menschen besser, wenn sie Hungerstrecken vermeiden. Darum eher nicht auf Zwischenmahlzeiten verzichten.“ Nicht zuletzt ist es ratsam, das Leben ruhiger und reizarmer anzugehen. Entspannungsübungen wie Yoga, Achtsamkeit und Meditation sowie Akupressur sorgen für inneren Ausgleich.
Brigitte Jurczyk